Da waren’s nur noch zwei

Über "Mustang" von Deniz Gamze Ergüven

Deniz Gamze Ergüvens Spielfilmdebüt „Mustang“ erzählt die Geschichte von fünf Schwestern, die in einem konservativen türkischen Küstendorf verwaist und in der Obhut von Großmutter und Onkel aufwachsen. Als die Mädchen eine moralische Grenze der reaktionären Dorfgemeinschaft überschreiten, werden sie zu Häftlingen im eigenen Haus und entwickeln ihre eigenen Methoden, die auferlegten Barrieren zu unterwandern.

Selma (Tuğba Sunguroğlu), Nur (Doğa Zeynep Doğuşlu), Ece (Elit İşcan), Sonay (İlayda Akdoğan) und Lale (Güneş Nezihe Şensoy) © Weltkino

Selma (Tuğba Sunguroğlu), Nur (Doğa Zeynep Doğuşlu), Ece (Elit İşcan), Sonay (İlayda Akdoğan) und Lale (Güneş Nezihe Şensoy) © Weltkino

Am letzten Schultag vor den Sommerferien – die Sonne brennt, die Stimmung ist ausgelassen – begehen Lale und ihre vier Schwestern den Fehler, nach der Schule nicht direkt nach Hause zu gehen, sondern mit ihren männlichen Klassenkameraden im Wasser am örtlichen Strand herumzutollen. Das harmlose Spiel wird den Teenagern jedoch zum Verhängnis, als eine Nachbarin der Großmutter von den Vergnügungen der Mädchen berichtet. Was folgt, hat die graduierliche Vernichtung allen Amüsements zum Ziel.

Das osmanische Herrenhaus mit den hohen, dunkelbraunen Fenstern wird zum Gefängnis umfunktioniert. Die Jungfräulichkeit der fünf Schwestern wird ärztlich attestiert, potenziell Unmoralisches, wie Kaugummis, Telefone und Computer werden weggesperrt. Statt Schulunterricht erfreuen sich verschiedene weibliche Verwandte und Bekannte daran, aus den Mädchen gute Hausfrauen zu machen. Gefangen in unförmigen braunen Uniformen und einer Atmosphäre aus mehligem Teig, prallgefüllten Weinblättern und der zukünftigen Mitgift, rebellieren die Mädchen auf je eigene Weise.

Die Implikation des Titels im Hinterkopf haltend, folgen mehrere Versuche des Ausbruchs aus der häuslichen Zuchtanstalt. Doch auf jede libertinäre Aktion der Schwestern folgt eine folgenschwere Reaktion der Autorität. Die Großmutter beschließt zuletzt: Die Heiratsfähigen sollen so schnell wie möglich in arrangierte Ehen abgeschoben werden. Bis Lale, die jüngste Schwester, alleine übrig zu bleiben droht und alles in Bewegung setzt, um nach Istanbul zu fliehen.

Die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven macht mit ihrem ausgesprochen schönen, wenngleich erzählerisch konventionellen Drama auf die Realität junger Frauen aufmerksam, die unter dem Druck einer patriarchalen, jeglichen emanzipatorischen Bemühungen trotzenden Gesellschaft aufwachsen. Die in Ankara geborene und in Frankreich lebende Regisseurin nimmt damit einen sehr europäischen Blick auf die Türkei ein. Obwohl ihre Protagonistinnen alle starke, unbändige Mädchen verkörpern, bleibt der fade Nachgeschmack einer problematischen Verschränkung von Repression, Region, Religion und Geschlecht. Istanbul dient dabei als Chiffre für die Freiheit schlechthin, während das Dorf als Hort des Rückständigkeit dämonisiert wird.
Zugleich eröffnet der Film eine interessante politische Metapher: Figur des Onkels personifiziert das Patriarchat in Reinform, als eine dominante Männlichkeit, die alles lustvoll weibliche zugleich begehrt und vernichtet. Ergüven macht es uns einfach, diesen Mann zu verteufeln. Doch ist dieser Onkel nicht die Verkörperung aktueller türkischer Politik? Entspricht er nicht einem Recep Tayip Erdoğan, der Bürger demütigt, gegeneinander aufhetzt, keine Kritik duldet und den Über-Vater einer in seinen Augen unmündigen Nation gibt? In einer Szene sitzen die letzten drei ledigen Schwestern mit dem Onkel und der Großmutter am Esstisch. Der Verlust der älteren Schwestern und die nahende Verheiratung der nächsten versetzt die Grundstimmung in einen angespannten Moll-Ton, der durch einen Moment ungehaltenen Lachens gebrochen wird. Im Film unterbindet der Onkel das Lachen – so wie der damalige stellvertretende Ministerpräsidenten der Türkei, Bülent Arınç, im Juli 2014 forderte, Frauen das Lachen in der Öffentlichkeit zu verbieten, da es moralisch verwerflich sei.

Und wenn die Schuluniform von der Kochschürze ersetzt wird, lässt das mitunter an Erdoğans erst kürzlich veranlasste Polizeihetze gegen Wissenschaftler denken, die einen Aufruf gegen Gewalt in den vorwiegend von Kurden bewohnten Regionen unterzeichneten.
Insofern spiegelt „Mustang“ eine Gesellschaft wider, die unter der Last von Despoten zu ersticken droht und Mechanismen entwickelt hat, um mit diesen Einschränkungen umzugehen: Sei es durch Selbstzensur, Aneignung der auferlegten Konventionen, Resignation, Subversion oder Konfrontation.

Ergüven, die an der renommierten Filmhochschule La Fémis in Paris studiert hat, inszeniert ihre Protagonistinnen, die größtenteils noch nie vor der Kamera standen, als begehrend und begehrenswert. Der Film lebt vom Charme einer verspielten, sinnlichen und heftigen Weiblichkeit, wie sie schon lange nicht mehr im Kino zu sehen war und zuweilen etwas überholt zu sein scheint. Immer wieder liegen die Schwestern – den puritanischen Auflagen trotzend – leichtbekleidet und kichernd auf einem Meer aus Kissen und Decken, ihre Körper dicht aneinander und ineinander verwoben, während die Sonnenstrahlen sie durch die Gitter der hohen Fenster beleuchten.

Nun könnte man dem Film gerade diese sehr konstruierten Bilder vorwerfen, doch sorgen sie gerade durch ihre Künstlichkeit für eine verklärende Distanz, die die Narration ins Märchenhafte zieht und das Gegengewicht zu den bitteren und tragischen Momenten bildet. Der Blick auf die Mädchen ist lust- und respektvoll zugleich, sie bleiben immer auch Subjekte der Handlung. Die lichtdurchfluteten Einstellungen von Kameramann David Chizallet wirken als Stimmungsbarometer und verleihen auch dem Haus einen eigenen Charakter. Dieses Spiel von hell und dunkel wird durch die Musik von Warren Ellis, der ansonsten unter anderem mit Nick Cave and the Bad Seeds auf der Bühne steht, konzentriert.

Trotz der ausgesprochen dunklen Passagen ihrer Coming-of-Age-Geschichte, findet die Regisseurin immer wieder erhellende Momente: Mithilfe eines Humors, der zwischen subtil und grotesk oszilliert – und das sind die wirklich interessanten Szenen von „Mustang“ – versucht Ergüven auch ein Dilemma innerhalb der Gesellschaft aufzuzeigen: Frauen, die sich gegenseitig helfen und zugleich rückständige Traditionen reproduzieren. Sie wirken einerseits als Verbündete gegen die und zugleich als Komplizen der patriarchalen Traditionsbesessenheit. Veranschaulicht wird das besonders in der detailliert durchgetakteten Zurschaustellung der jungen Mädchen vor den Familien ihrer zukünftigen Bräutigame. Die Szene lebt von der subversiven Kraft der Schwestern und der absurden, bittersüßen Situationskomik. Der Intensität des Films zum trotz wünscht man sich von Ergüven mehr von diesen erzählerischen Zwischentönen.

Neben Filmen wie „The Glass House“ (2001) von Daniel Sackheim oder „Dogtooth“ (2009) von Giorgos Lanthimos erinnert „Mustang“ besonders aufgrund der schwesterlichen Konstellation und inhaltlich an Sofia Coppolas Verfilmung des Romans „Virgin Suicides“ (1999) von Jeffrey Eugenides. Jedoch ist jener aus einer männlichen Perspektive erzählt, wohingegen „Mustang“ die Sicht der jüngsten Schwester Lale einnimmt. Die Folgerung, nordamerikanische Frauen als Opfer des Patriarchats zu sehen, wird in Coppolas Film jedoch kaum suggeriert, wohingegen „Mustang“ diese Art der Verallgemeinerung für die türkischen Verhältnisse durchaus zulässt. Das ist wohl die Schwäche von Ergüven: Die Unbedingtheit ihrer Erzählung verleiht den Figuren zwar eine unheimliche Vitalität, nimmt der Story aber gleichsam jene Nuancen, die für mehr intellektuelle Spannung gesorgt hätten. Denn ein Bruch mit Konventionen innerhalb der Dramaturgie hätte durchaus der Grundaussage des Films entsprochen.

Der französisch koproduzierte Film wurde auf den 68. Filmfestspielen von Cannes in der Reihe „Qinzaine des réalisateurs“ uraufgeführt und ist in neun Kategorien für den französischen Filmpreis César nominiert. Bleibt offen, wie die Academy „Mustang“ bewertet, der bei der Oscar-Verleihung für Frankreich als bester ausländischer Film antritt. Vielsagend ist übrigens auch, dass Deniz Gamze Ergüven somit die einzige Spielfilmregisseurin unter den Nominierten ist.

Dieser Text erschien erstmals in leicht abgewandelter Form in der Jungle World vom 18. Februar 2016.

Filmtitel: Mustang
Produktionsjahr: 2015
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Türkei, Katar
Originaltitel: Mustang
Regie: Deniz Gamze Ergüven
Drehbuch: Deniz Gamze Ergüven, Alice Winocour
Kamera: David Chizallet, Ersin Gok
Schnitt: Mathilde Van de Moortel
Musik: Warren Ellis
Darsteller: Güneş Sensoy, Doga Zeynep Doğuslu, Elit Iscan, Tuğba Sunguroğlu, Ilayda Akdoğan, Nihal G. Koldaş, Ayberk Pekcan
Filmlänge: 97 Min.
Kinostart: 25. Feburar 2016
Verleih: Weltkino