You killed me first

Das KW Institute for Contemporary Art versammelt den New Yorker Underground

“Basically, in one sentence, give us the definition of the ‚Cinema of Transgression’.”
Nick Zedd: “Fuck you.”

 

The Manhattan Love Suicides: Stray Dogs, 1985 Film Still Courtesy Richard Kern

The Manhattan Love Suicides: Stray Dogs, 1985 Film Still Courtesy Richard Kern

Die Berliner Kunst-Werke wurden vom 19. Februar bis zum 9. April von einer sehr besonderen Art des Filmemachens heimgesucht: Dem Cinema of Transgression, einer Abzweigung des Undergroundfilms, die Mitte der 80er Jahre von New Yorker Undergroundfilmern rund um Richard Kern und Nick Zedd begründet wurde. Die Filme zeichnen sich durch eine Radikalität hinsichtlich jedweder Art von Grenzen aus, wehren sich gegen jede Art konventionalisierter Muster und Schablonen und wurden damals mit low bis no budget und gestohlenem Equipment gedreht. Im Manifest erläutert Nick Zedd den Anspruch der Grenzüberschreiter folgendermaßen:

„[…] Wir schlagen vor, dass alle Filmhochschulen in die Luft gesprengt und niemals mehr langweilige Filme gemacht werden. Überdies setzen wir uns dafür ein, dass ein gewisser Sinn für Humor ein wesentlicher Bestandteil des Films sein sollte, den die tranigen Akademiker gerne außen vor gelassen haben. Außerdem sind wir der Meinung, dass jeder Film, der nicht schockiert, nicht sehenswert ist. Alle Werte müssen in Frage gestellt werden […]

Wir beabsichtigen, dass alle Grenzen überschritten werden, die uns von Geschmack, Moral oder irgendeinem anderen herkömmlichen Wertesystem diktiert werden und den Geist der Menschheit in Fesseln legen. Wir überschreiten und übertreten Grenzen in Form von Millimetern, Leinwänden und Projektoren und streben nach einem erweiterten Kino. Wir widersetzen uns dem Gebot und der Maßgabe, das Publikum durch Rituale der Umschreibung zu Tode zu langweilen und plädieren dafür, alle Tabus zu brechen und so viel wie möglich zu Sündigen. Dabei wird auf eine bislang kaum vorstellbare Weise Blut, Scham, Schmerz und Ekstase zu sehen sein.

Niemand soll das Kino unberührt verlassen. Da es kein Leben nach dem Tod gibt, ist die einzige Hölle die Hölle des Betens, das Befolgen von Gesetzen und die Erniedrigung vor der Autorität, der einzige Himmel ist der Himmel der Sünde.

Daher müssen wir aufbegehren, Spaß haben, Ficken, neue Dinge lernen und so viele Regeln wie möglich brechen. Diesen mutigen Akt bezeichnen wir als Transgression. Wir plädieren für die Transformation durch Transgression – für das Überführen, Verwandeln und Umgestalten, um eine höhere Daseinsebene zu erreichen, auf der wir endlich frei sind in dieser Welt voller ahnungsloser Sklaven.“

Das Cinema of Transgression Manifesto wurde 1985 von Nick Zedd aka Orion Jeriko verfasst und erstmals in seinem Fanzine The Underground Film Bulletin veröffentlicht.

Die hier vorliegende Übersetzung stammt aus dem sehr empfehlenswerten Ausstellungskatalog You Killed Me First. The Cinema of Transgression. hg. von Susanne Pfeffer. Mit Texten von Sylvère Lotringer, Carlo McCormick, Jonas Mekas, Susanne Pfeffer, Jack Sargeant und Nick Zedd. dt./engl. Köln: Walther König, 2012.

Viele dieser Filme bedienen sich einer Exploitation-Ästhetik, vermengen die autobiografische Vergangenheit der Filmemacher mit Gore und Hardcore-Elementen und setzten auf Schock, Konfrontation und Provokation, wie Artaud es von seinem Theater der Grausamkeit forderte. Die nachfolgenden Kurzfilme geben einen kleinen Einblick in das Schaffen von Zedd, Kern Lunch und co.

YOU KILLED ME FIRST (1985) – hier versammelt Richard Kern nicht nur die Protagonisten des Cinema of Transgression, sondern auch die prototypische amerikanische Mittelstandsfamilie und lässt sie brutal an ihren eigenen Werten scheitern. Der Film gab der Ausstellung in den Kunst-Werken den Namen, weil er als pars pro toto für die Bewegung gesehen werden kann. Kern fotografiert mittlerweile u.a. für das Vice Magazine und den Playboy.

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MANHATTAN LOVE SUICIDES: STRAY DOGS (1985) von Richard Kern und David Wojnarowicsz handelt von einem renitenten Stalker, der einen Künstler bis zur Selbstzerfleischung verehrt. Der Sound stammt von J.G. Thirwell:

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MANHATTAN LOVE SUICIDES: I HATE YOU NOW (1985) Richard Kern hinterfragt in dieser Episode seiner Suicide-Serie traditionelle Geschlechterrollen auf skurrile Weise:

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Weitere Filme des Cinema of Transgression sind im Netz verfügbar– zum Beispiel auf UBU.

Doch was bedeuten diese Filme nun für die gegenwärtige Filmkultur?
Vielerorts liest man von der Unzufriedenheit innerhalb der deutschen Filmlandschaft und 50 Jahre nach dem Oberhausener Manifest, dessen Initiatoren in allerlei Institutionen nun rauf- und runtergefeiert werden, darf man gespannt sein, in welche Richtung es zukünftig gehen wird.
Klar, mittlerweile rennt man durch offene Türen, es gibt scheinbar nichts, was es nicht schon gab. Doch was den experimentellen Aspekt anbelangt, stapft man lieber durch maßlos ausgetretene Pfade.
Werden nicht zu wenige Grenzen überschritten aus Angst, man könne die ein oder andere Förderung verlieren?

Formieren sich überhaupt noch Gruppen mit bestimmten Interessen und versuchen kreative Energien zu bündeln? Besteht überhaupt Interesse daran? Vielleicht hilft es manchmal doch, zurück zu blicken und die weniger sichtbaren Bewegungen im Film nun deutlicher zu beleuchten.

Dieser Artikel ist erstmals und in veränderter Form bei dontpanicitsorganic.de erschienen.